„Manche werfen mir vor, dass ich nicht an die Rente denke“

Wie findet man täglich aufs Neue Inspiration? Die Schauspielerin Luisa Menzen erklärt, warum ihr Beruf ein 24-Stunden-Job ist.

Es gibt nur wenige Menschen, die jeder ohne Umschweife nicht einfach nur als hübsch, sondern sogar als schön bezeichnen würde. Luisa Menzen gehört dazu. Da passt es nur zu gut, dass die 27-Jährige für Werbeanzeigen shootet und in italienischen Werbespots für Vespas und Cremes mitgespielt hat. Doch eigentlich liegt ihrer beruflicher Fokus woanders: Darauf, im Theater auf der Bühne stehen zu können. „Ich könnte mir keinen schöneren Beruf vorstellen“, sagt sie. Jetzt sitzt sie in der WG ihrer jüngeren Schwester in Berlin-Moabit am Küchentisch und bietet mir Kaffee an. Luisas Schwester stellt Blumen von der Fensterbank auf den Tisch, damit es schöner aussieht. Denn während wir für Babylon über die Faszination des russischen Theaters, den Zweck von Kunst und die große Wichtigkeit von Mentoren reden, werden wir fotografiert.

„Wir wollen das Publikum mit unserer Arbeit inspirieren.”

Menzen ist Deutsche, hat aber seit ihrem dreizehnten Lebensjahr in Mailand gelebt. Nach einem Bachelor in Kommunikationswissenschaften ist sie abermals umgezogen – um in New York am The Russian Arts Theater & Studio in mehreren Produktionen als Schauspielerin zu arbeiten. Zur Zeit ist sie wieder in Deutschland, um ihre Familie und Freunde zu besuchen. Menzen wirft immer wieder englische und italienische Wörter in die Unterhaltung ein, je nachdem, welche Sprache gerade das passendste Wort zu bieten hat. Sie spricht alle drei Sprachen fließend.

Babylon: Was machst du, wenn du eine Aufführung hast, aber richtig schlecht drauf bist?

Luisa Menzen: Das geht nicht! Die Stimmung im Ensemble ist unheimlich wichtig. Wenn einer schlecht gelaunt zur Arbeit kommt, dann beeinflusst das die gesamte Gruppe. Natürlich müssen auch die anderen darüber stehen können, was sie auch tun. Aber trotzdem: Man kann nicht keine Lust haben.

Und wie schaffst du das, immer Lust zu haben auf deine Arbeit?

Ich mache den ganzen Tag nichts anderes. Schauspieler zu sein ist ein 24-Stunden-Job. Und ich will nichts anderes tun. Egal, wie oft wir ein Stück schon aufgeführt haben, ich warte auf nichts anderes, als am Abend wieder auf der Bühne zu stehen.

Viele hätten ja eher Lampenfieber.

Lampenfieber gehört dazu. Aber ich fühle mich einfach wohl, wenn ich auf der Bühne stehe.

„Manche werfen mir vor, dass ich nicht an die Rente denke. Aber ich will diesen Beruf weiter ausüben, bis ich 90 Jahre alt bin.”

Was ist es genau, was du daran so magst?

Auf jeden Fall: Vor Leuten zu stehen. Und natürlich: Die verschiedenen Charaktere ins Leben zu rufen von den Autoren, die ich so liebe. Mit vielen verschiedenen, sehr inspirierenden, tollen Leuten zusammenzuarbeiten. Das ist einfach toll. Wir versuchen, unser Publikum mit unserer Arbeit zu inspirieren. Es zu lehren oder ihm etwas mit auf den Weg zu geben.

Kannst du die Gesichtsausdrücke der Leute im Publikum von der Bühne aus sehen?

Ja! Man bekommt die Reaktionen im Publikum mit. Und wenn einen die Zuschauer nach dem Stück ansprechen, ist das noch schöner. Wenn ich merke, dass beim Publikum etwas rübergekommen ist, dann kriege ich Gänsehaut.

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Was war das erste Stück, das du vor einem New Yorker Publikum gespielt hast?

Das erste war My Uncle Chekhov, ein Stück über Kurzgeschichten von Tschechow. Wir haben im West End Theatre auf der Upper West Side in Manhattan gespielt. Danach habe ich Hauptrollen bekommen, was für mich großartig war. Ich hatte die Uni erst wenige Jahre zuvor abgeschlossen und war ganz neu in New York. Wir haben zum Beispiel Avenue Of Wonder von Nikolai Gogol adaptiert. Und in diesem Sommer haben wir Crime and Punishment von Dostojewski aufgeführt. Ich liebe die russischen Autoren, vor allem Tschechow.

Menzen in „My Uncle Chekhov“ am West End Theatre.

Warum gerade die russischen Autoren?

An der Schauspielschule habe ich meine große Mentorin kennengelernt, die Schauspiellehrerin und Theaterregisseurin Lara Franceschetti. Sie ist selbst nicht Russin, aber sie hat von großen russischen Schauspielern und Regisseuren gelernt. Sie war es, die mich an das russische Theater herangeführt hat. Später hat sie für mich den Kontakt nach New York zum The Russian Arts Theater & Studio hergestellt. Das Problem ist: So, wie zum Beispiel Tschechow in Russland verstanden wird, wird er nirgendwo sonst auf der Welt verstanden.

Wie meinst du das?

Viele denken, Tschechows Stücke seien nicht lustig, aber das stimmt nicht! Aber wenn man ihn missversteht, bringt man ihn auch nicht richtig auf die Bühne.

Das heißt, du als Schauspielerin musst selbst viel über Tschechow wissen?

Ich muss den tieferen Sinn seiner Stücke verstehen. Viele Zuschauer wollen natürlich schnell eine schöne Show abgeliefert bekommen, aber darum geht es nicht immer. Theater ist viel tiefgründiger.

Du sagst, Lara Franceschetti sei deine Mentorin. Braucht jeder Künstler seinen Förderer?

Mir hat es jedenfalls in meiner Karriere sehr geholfen. Auch, weil ich durch Lara Franceschetti meine ersten professionellen Engagements bekommen habe und weil sie mir den Kontakt nach New York hergestellt hat. Ich hatte viele Lehrer, aber sie war es, deren Methoden und deren Art zu arbeiten mir am meisten nahe gegangen sind.

 

„Jeder hat innerlich seinen eigenen kleinen Koffer, den er fortlaufend mit Bildern und Themen bereichert.”

 

Wird das Stück, wenn man es 40 Mal aufführt, nicht langweilig?

Es sollte immer besser werden. Es ist natürlich leicht, in eine Routine zu verfallen. Was wir machen, ist ja in gewisser Weise jeden Abend das gleiche. Aber es soll jeden Abend besser werden und jeden Abend muss man als Schauspieler versuchen, sich neu inspirieren zu lassen.

Wie schaffst du es, dich immer wieder zu inspirieren?

Ich gehe zum Beispiel oft ins Museum. Dort lasse ich mich von Themen und Bildern inspirieren. Wenn ich zum Beispiel an einer Darstellung von Liebe arbeite, dann schaue ich mir an, mit welchen Bildern und Konzepten die Liebe in den verschiedenen Epochen und Stilrichtungen repräsentiert wird. Aber auch im Alltag kann mich alles inspirieren, was ich mit Liebe assoziiere. Jeder hat innerlich seinen eigenen kleinen Koffer, den er fortlaufend mit Bildern und Themen bereichert.

Hast du ein konkretes Beispiel aus deiner Karriere?

Ich habe einmal eine Rolle gespielt, da habe ich im Schnee getanzt. Es sollte so aussehen, als würde ich mit dem Schnee eins werden. Die Idee war: Make love with nature. Da habe ich mir zum Beispiel Bilder angeschaut, auf denen Menschen unter einem Wasserfall stehen, und auf denen es so aussieht, als ob sie mit der Natur eins werden.

„The Tragedy of King Richard the Third.“

Was tust du noch, um dich auf Aufführungen vorzubereiten?

Ich lese sehr viel. Wenn ich Tschechows Drei Schwestern spiele, reicht es nicht, wenn ich die Drei Schwestern gelesen habe. Sondern ich lese viele verschiedene Werke von Tschechow, und außerdem viel Literatur über ihn und darüber, was ihn wiederum inspiriert hat. Und dann lese ich natürlich viel andere, russische Literatur, um die Kultur und die Ausdrucksweisen zu verstehen. Es geht darum, weiträumig zu denken. Physisches Training ist außerdem sehr wichtig. Ich mache viel Stretching und Yoga.

Bleibt da überhaupt noch Zeit für anderes?

Es ist ein Full-time-Job. Man geht nicht einfach nach Hause und hat dann Feierabend. Manche werfen mir vor, dass ich nicht an meine Rente denke. Aber ich will diesen Beruf weiter ausüben, bis ich 90 Jahre alt bin. Ich will abends ins Bett gehen und weiter über Tschechow und Dostojewski lesen, und am nächsten Morgen stehe ich auf und will einen Kurs machen oder mir etwas im Museum anschauen, um weiter an der Rolle zu arbeiten. Anschließend probe ich für das Stück, das ich am Abend aufführe. Das gehört einfach dazu. You sign up for this life.

Interview: Lena Völkening
Fotos: Clara Menzen und Luisa Menzen (Agenturfotos)

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