So besetzt man ein Gebäude

Eine Anleitung in elf Schritten.

Das Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität am Donnerstagabend: Sie haben sich im letzten Raum verbarrikadiert. Die Studenten haben die Sofas hineingeschoben. Sie unterhalten sich, in Decken eingewickelt, während sie zu Abend essen. Auf dem Boden liegen überall Matratzen, dazwischen stehen Bierflaschen. Von der Decke hängt eine Planeten-Konstruktion aus Alufolie und die Wände sind zugeklebt mit Zeitungsartikeln und Plakaten. Vor der einen Tür steht ein Schrank, sodass sie nicht mehr aufgeht. Von außen ist diese Tür mit Glitzer besprüht und mit einem golden glitzernden Anarcho-A versehen. Nur durch eine zweite Tür kommt man in den Raum.

Hier geht’s erstmal nicht mehr rein.

Diesen Raum wollen die Studenten haben. Damit hier weiter diskutiert und organisiert werden kann. Vier Wochen lang haben Studenten der drei Berliner Universitäten gemeinsam mit anderen Berliner Bürgern das Institut für Sozialwissenschaften an der Friedrichstraße in Berlin-Mitte besetzt. Sie haben in dem Gebäude übernachtet, Workshops organisiert, Pressekonferenzen abgehalten.

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„Holm bleibt“, haben sie gefordert, mit Bezug auf die Kündigung des Soziologen und ehemaligen Staatssekretärs Andrej Holm durch die Humboldt-Universität. Jetzt ist es vorbei, die Hochschule hat die Kündigung zurückgezogen. Am Freitag soll die Polizei kommen, um das Gebäude, wenn nötig, zu räumen.

Ein Institut besetzen, den Protest mit hunderten Studenten organisieren, und wochenlang nicht aufgeben. Das geht so:

Schritt 1: Habe einen guten Grund!

Es ging um Holm? Vier Wochen Besetzung nur für den Wissenschaftler Andrej Holm? Nein, nicht nur, sagen die Studenten. Ein junger Mann mit Bart, Brille und zerzausten Haaren bedient sich am improvisierten Buffet in dem letzten Raum, der noch besetzt ist. Niemand hier will mit dem Namen zitiert werden. Auch auf Fotos möchten die Studenten, die das Institut besetzen, nicht zu sehen sein. „Unsere Forderungen darf man nun wirklich nicht auf diese eine Forderung, dass Holm bleiben soll, reduzieren“, sagt der junge Mann. Die Humboldt-Universität hatte den Soziologen Andrej Holm entlassen, nachdem er – wegen seiner erst kurz zuvor bekannt gewordenen Stasi-Vergangenheit – als Staatssekretär in der Landesregierung von Berlin zurückgetreten war. „Die Entlassung von Holm hat das Fass zum Überlaufen gebracht“, sagt der junge Mann am Buffet. „Aber sie ist eigentlich zu einer Nebenforderung geworden. Nur wegen der Kündigung eines Dozis hätten doch nicht so viele Studenten wochenlang ein Gebäude besetzt!“

„Uni von unten!“, haben die Studenten während ihrer Besetzung gefordert.

Stattdessen geht es den Studenten um noch viel mehr, sagen sie: Hochschulpolitik (der Humboldt-Universität stehen 2017 zahlreiche Kürzungen bevor), Gentrifizierung, zu teure Mieten in Berlin. Alles Themen, die sich auch Andrej Holm auf die Fahne schreibt. „Uni von unten!“, haben die Studenten während ihrer Besetzung gefordert.

Schritt 2: Schnapp‘ dir ein halbes Dutzend Freunde!

Die Idee, das Institut für Sozialwissenschaften zu besetzen, hatte ursprünglich eine nur kleine Gruppe von Studenten, erinnert sich eine junge Frau, die in eine Decke gewickelt auf einer Matratze sitzt und seit der ersten Woche dabei ist. Am 18. Januar stürmen Studenten eine Informationsveranstaltung, auf der sich die Präsidentin der Universität, Sabine Kunst, zur Entlassung von Andrej Holm äußert. „In der Nacht davor wurde der Entschluss gefasst, dass das Gebäude besetzt werden soll“, sagt die junge Frau auf der Matratze. Während im Saal die Informationsveranstaltung stattfindet, beginnen die Studenten also heimlich mit dem Aufbau: Sofas, ein Buffet, eine Musikanlage. Dann stürmen sie die Veranstaltung und verkünden, dass die Universität besetzt ist.

Schritt 3: Bereite den ersten Tag gut vor!

„Es gab direkt Musik, Kaffee und Essen“, erinnert sich ein Student. „Alle waren gut versorgt.“ So beteiligen sich auch viele Außenstehende spontan an dem Protest und bleiben über Nacht im Institut für Sozialwissenschaften. „Die Leute haben tendenziell Bock auf politische Aktionen“, sagt eine Studentin. „Wenn eine kleine Gruppe bereits alles vorbereitet und den ersten Tag geplant hat, machen die Leute mit. Der Drive muss da sein.“

„Die Leute haben tendenziell Bock auf politische Aktionen. Wenn eine kleine Gruppe alles vorbereitet, machen sie mit.“

Schritt 4: Die Organisation ist entscheidend!

Ein Mädchen mit grünen Haarsträhnen zählt auf: „Wir mussten die ganzen Sachen organisieren: Matratzen holen, Essen, Sofas.“ „Küfa“, Küche für alle, zu organisieren, sei in Berlin gar nicht so schwer. „Das bieten hier viele Kantinen an.“ Fehlen den Studenten also nur noch die Matratzen und Sofas aus den WGs und vom Sperrmüll.

Schritt 5: Schaffe eine innere Struktur für die Gemeinschaft der Besetzer!

Bereits am zweiten Tag halten die Studenten im besetzten Institut eine Vollversammlung ab. Sie gründen Arbeitsgemeinschaften. Eine Küchen-AG kümmert sich um das Essen, eine Infrastruktur-AG organisiert weitere Sofas, eine Aktions-AG dreht Videos und plant eine Demonstration. Die Studenten stellen ein Programm auf die Beine und veranstalten Workshops und Diskussionsrunden im besetzten Institut. „Wir haben festgelegt, dass wir Entscheidungen nur in der Vollversammlung treffen“, erläutert eine Studentin. „So funktioniert Basis-Demokratie.“ Selbst wenn hier plötzlich die Polizei vor der Tür stehen und das Gebäude räumen wollen würde, würden wir auf die Schnelle eine Vollversammlung mit allen abhalten, die gerade da sind, und gemeinsam entscheiden, was wir tun.“

Schritt 6: Halte durch!

Vier Wochen lang ein Gebäude zu besetzen, schlaucht ganz schön. „Wenn niemals wirklich klar ist, wie es am nächsten Tag weitergeht, ist es schwer, seinen Alltag zu planen“, erinnert sich eine Studentin der Freien Universität mit kurzen Haaren, Piercing und einem Stück Kuchen in der Hand. Dass die Besetzung vier Wochen dauern würde, hätte sie damals nicht gedacht. „Wir hatten mit einem Wochenende gerechnet“, sagt sie. Trotzdem: Vier Wochen lang übernachten täglich Studenten im Institut. Der harte Kern sei über die Wochen gleich geblieben, schätzen die Besetzer.

Die Präsidentin der Humboldt-Universität, Sabine Kunst, formuliert am 31. Januar in einem offenen Brief an die Besetzer, man habe bislang die rechtswidrige Besetzung als eine Form des Protestes geduldet. Allerdings nehme „die Einschränkung der Lehre am Institut für Sozialwissenschaften durch die Besetzung deutlich zu“, was das Präsidium auf Dauer nicht verantworten könne, so Kunst. Die Besetzer müssten ihre Forderungen nicht an die Universität, sondern an die Politik adressieren, fordert sie. Die Studenten geben zum Ende der vier Wochen der Besetzung einzelne Räume des Instituts an die Universität frei, damit dort wieder Lehrveranstaltungen stattfinden können. Das Gebäude bleibt jedoch besetzt. Auf den Innenseiten der Toilettentüren im Institut steht: „Ist das Kunst, oder kann das weg?“

„Es war wie eine große Klassenfahrt.“

Schritt 7: Vernetze dich!

Die Berliner Initiativen Kotti & Co und Stadt von Unten wollen in eine ähnliche Richtung wie die Besetzer des Instituts und helfen an der Friedrichstraße schon bald bei der Organisation. Das besetzte Institut wird zu einem Treffpunkt und Sammelbecken für Aktivisten aus allen Ecken von Berlin. „Rund 70 Prozent der Leute, die bei der Besetzung beteiligt sind, kannte ich vorher gar nicht oder nur vom Sehen“, schätzt eine Studentin. „Aber jetzt sind wir eine feste Gemeinschaft geworden. Wenn man zusammenwohnt, schweißt das natürlich zusammen. Die Besetzung war ein bisschen wie eine große Klassenfahrt.“

Social Media bespielen sie täglich, Pressekonferenzen werden per Livestream übertragen.

Schritt 8: Nutze die Medien!

Die Besetzer des Instituts für Sozialwissenschaften haben eine Facebook-Seite, einen Twitter-Account und eine eigene Homepage. Pressekonferenzen werden per Livestream auf Facebook übertragen. Die Pflege der Social-Media-Kanäle übernimmt eine der Arbeitsgemeinschaften.

Schritt 9: Verpasse nicht den richtigen Moment, um aufzuhören!

Bevor die Polizei kommt, sollen die Räume geräumt sein.

Mittwochmorgen, 15. Februar. Vor dem Institut für Sozialwissenschaften stehen zwei Umzugswagen. Die Besetzer haben am Vorabend in einer Vollversammlung beschlossen, dass sie das Gebäude friedlich räumen, bevor, wie von der Hochschule angekündigt, am Freitag die Polizei geschickt wird. Andrej Holms Kündigung hat die Hochschule am Freitag, 10. Februar, zurückgezogen und in eine Abmahnung umgewandelt. Aber ihre anderen Forderungen sehen die Studenten nicht erfüllt. „Eine unserer Forderungen war von Anfang an, einen Raum zur studentischen Selbstverwaltung zu bekommen“, sagt eine Studentin.

„Auf die Straße zu gehen, ist effektiver, als den institutionalisierten Weg zu gehen.“

Schritt 10: Behalte deine Ziele im Auge!

„Finde erst einmal einen ausreichend großen Raum, der regelmäßig zur Verfügung steht, wenn du dich mit mehr als zehn Leuten für politische Diskussionen treffen willst“, sagt die Studentin. „Das ist gar nicht so einfach.“ Sie stellt sich das so vor, dass in dem jetzt besetzten Raum in Zukunft Kaffee angeboten wird. Studenten jeder Fakultät und jeder Berliner Hochschule sollten spontan vorbeikommen können, um sich auszutauschen, findet sie. „Das ist niedrigschwelliger als eine Hochschulgruppe oder das Studierendenparlament. Auf die Straße gehen, politische Basisarbeit, das ist für mich effektiver, als über das Studierendenparlament den institutionalisierten Weg zu gehen.“

Schritt 11: Hinterlasse einen bleibenden Eindruck!

Donnerstagnachmittag, 16. Februar. Die Studenten sind mit dem Aufräumen fast fertig. Jemand hat sich bereit erklärt, die Schmierereien im ersten Stock zu überstreichen. Die Universität will ein Putzteam durch die Räume schicken, heißt es. Bis auf die Wände sieht bereits alles wieder fast so aus wie vorher. Die Studenten haben es sich in dem letzten Raum gemütlich gemacht, der besetzt bleiben soll. Eine ältere Dame mit einem elektrischen Rollstuhl fährt durch die Räume und schüttelt den Kopf. Sie trägt eine bunte Wollmütze und kurze, graue Haare. „Es ist ein Trauerspiel!“, sagt sie. Es sei gut, dass endlich mal jemand etwas unternommen habe. Von der Besetzung hat sie in der Zeitung erfahren, sie war oft hier und hat zugeschaut. „Diese Gesellschaft, in der niemals jemand etwas sagt, geht mir auf die Nerven“, sagt sie und rollt in hohem Tempo davon.

Text und Fotos: Lena Völkening

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